Vom katholischen Stuhlkreis in den Kosmos dialogischer Intelligenz

Photo by Andreas Wagner on Unsplash

Sehr viele Stunden meines Lebens habe ich in Stuhlkreisen verbracht. Unzählige. Im Kindergarten ging es schon los… In den Gruppenleiterkursen haben wir uns stundenlang im beharrlichen Kreissitzen geübt und abgewartet, was ein sich selbst organisierender hierachiefreier Prozess mit uns macht. Die Lagerfeuerkreise will ich nicht vergessen. In studienbegleitenden Programmen sind wir von einem Kreis in den nächsten gerutscht, ach…. Stunden über Stunden. Als pastorale Mitarbeiterin und auch früher als Ehrenamtliche habe ich unzählige Male Tische weggeschoben und Stühle in Kreisform gebracht, hier noch ein wenig gerückt und da noch geschoben, bis es auch schön passte. Von den gestalteten Mitten, die zum katholischen Stuhlkreis ja auch gehören, will ich hier erst gar nicht anfangen.

Doch Hand auf´s Herz – der Stuhlkreis ist auch verpönt. Ich erinnere mich an einen Abend im Jahr 2018 mit Erik Flügge (ich mit langem Hals in irgendeiner hinteren Stuhlreihe übrigens, die Wichtigen oben auf dem Podium), der u.a. darüber wissend philosophierte, dass Stuhlkreise in der Arbeit mit Firmlingen wohl das Schlimmste ist, was man Jugendlichen antun könnte… So ein Stuhlkreis passt einfach voll ins kirchliche Klischee.

Durchaus zu Recht, finde ich. Und mit Stolz, egal was Herr Flügge sagt. Denn der Kreis symbolisiert Kirche im Sinne der Gemeinschaft der Getauften, der Glaubenden, der Suchenden, Fragenden und Zweifelnden. Der Kreis symbolisiert, dass einzelne Menschen eine hierarchiefreie Gemeinschaft bilden: Gleichberechtigung um eine gemeinsame Mitte, einen Raum, der gefüllt oder in dem angereicherte Fülle wahrgenommen werden kann und Verbindung untereinander entsteht. Das entspricht meines Erachtens sehr dem, was Jesus über das menschliche Miteinander in Wort und Tat lehrt. Ich will mich nicht zu weit aus dem Fenster lehnen, aber ich glaube, Jesus fände einen Stuhlkreis gut. Besser als Sitzungstische, als Bänke oder Stuhlreihen….

Und doch – da gebe Herrn Flügge auch Recht – der katholische Stuhlkreis hat Luft nach oben. Er hat Potential, das oft nicht genutzt wird. Denn nur im Kreis sitzen um des Kreises willen geht am Eigentlichen vorbei und karrikiert das Gemeinte zur Methode. Der Kreis ist der Ort des Dialoges – und der Dialog ist, egal ob mit oder ohne Redesymbol, keine Methode, sondern Ausdruck einer Haltung: nachdenkend, fragend, respektvoll, auf Augenhöhe, offen und neugierig, vorurteilsfrei und vertrauensvoll in das, was im Miteinander entstehen kann.

Nehmen wir an, unsere katholischen Stuhkreise wären wirklich Ausdruck oben angedeuteter Haltung des radikalen Respektes füreinander und wir würden tatsächlich einen Dialog führen, ihn mit einem Redesymbol verlangsamen und

  • einander achtsam zuhören
  • von Herzen sprechen und die „Wurzeln“ dessen was ich sage, benennen
  • unsere Annahmen und Bewertungen in der Schwebe halten
  • dem Anderen und dem Gehörten radikalen Respekt zollen
  • offen sein
  • hierarchiefrei Gedanken und Leben teilen
  • unser Denken und unsere Impulse verlangsamen
  • Lernende sein…

… es könnte noch was passieren.

Es geht wirklich nicht um den Kreis an sich, schon gar nicht um den Umgang mit einem Redesymbol, sondern es geht um diese innere dialogische Haltung. In dieser Haltung kann Neues entstehen. Es geht nicht darum, dass ich im Stuhlkreis endlich die Gelegenheit habe, ungestört das sagen zu können, was ich immer schonmal sagen will und niemand mich unterbrechen darf. Vielmehr ist es möglich, gemeinsam einen Raum zu schaffen und zu nutzen, in dem Sinn und gemeinsames Wissen wächst und geteilt wird – und eines Geistes zu sein.

In dialogischer Kompetenz gehen wir anders miteinander um. Christlicher. Stellen wir uns vor, wir würden Gremienarbeit, Teamsitzungen und auch die diözesanen Prozesse wirklich mit den o.g. Haltungen dialogisch gestalten. Stellen wir uns vor, dass da, wo Dialog draufsteht, auch Dialog drin ist. Die Kirche wäre eine andere.

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