Wie Kirche (und Organisationen) mit Effectuation der Ungewissheit begegnen können (II)

Alles beginnt mit Jesus…

Der Effektuierer startet mit einem Handlungsanlass. Im Kontext Kirche bräuchte es hier einen expliziten oder auch impliziten Bezug zur frohen Botschaft Jesu. Aus diesem Bezug spürt der Christ einen Handlungsimpuls im Blick auf eine konkrete Situation. Theologisch könnten wir hier auch vom Wirken des Heiligen Geistes sprechen. Es kann sein, dass es um ganz klassische Felder in Kirche geht (wie z.B. Katechese) oder auch ganz neue Wege (Kneipenpastoral).

Der Unterschied im Effectuation-Kontext ist jetzt, dass der Handlungsanlass nicht zum Schreibtisch führt, um ein Konzept fertig zu stellen und einen Plan zu entwickeln. Dieses Verfahren wird sich im Blick auf die unsichere Zukunft im kirchlichen Kontext nicht bewähren. Es widerspricht auch der Perspektive des Geistes, der durch planerisches Vorgehen beschränkt wird. Damit wird auch ein Lernprozess unterbunden. Aktuell fällt es meines Erachtens kirchlichen Akteuren noch sehr schwer – trotz der ungewissen Zukunft und trotz der Erfahrung, dass alles Planen und Konzeptionieren nicht wirklich weiterführt – vom Schreibtisch weg zu bleiben oder den konzeptionierenden Sitzungsmodus zu verlassen.

Den ersten Schritt mit den eigenen Mitteln gehen (#Mittelorientierung)

„Mittel können sein, was den Menschen auszeichnet.“, schreibt Eric Heinen-Konschak. Aus christlicher Perspektive heißt das: Charisma, von Gott gegebene Gaben, Talente, Begabungen, die für die Gemeinschaft ins Spiel gebracht werden. Dazu alles an Erfahrungen und angeeigneten Kompetenzen. Verbunden mit dem, was man vom Evangelium verstanden hat.

Dazu die Menschen um einen herum, in nächster Nähe, aber auch in der Gemeinde vor Ort, der kirchlichen und der politischen. Und das eigene Netzwerk, das sich in den Jahren entwickelt hat.

Mittelorientierung ergibt sich organisch aus der frohen Botschaft. Es braucht gar nicht viel! Mit dem arbeiten, was da ist: Fünf Brote und zwei Fische.

Wichtig ist: Bewusst Partner für die konkrete Sache suchen – und nicht nur in der Komfortzone!

Nicht alles auf eine Karte setzen (#Leistbarer Verlust)

Im Wirtschaftskontext gibt es eine Erfolgskategorie, die für Kirche so nicht gilt: finanzieller Gewinn. Das ist eine überlebensnotwendige Kategorie für Unternehmen. Sie verschwinden einfach, wenn es keinen finanziellen Erfolg gibt.

Kirche ist da letztlich anders gestrickt. Gerade in Deutschland ist die Finanzierung des Systems durch die Kirchensteuer mehr oder minder gesichert, auch wenn der Umfang des Konstrukts vielleicht nicht dauerhaft finanzierbar ist. Und selbst, wenn es keine Finanzierung dieser Art mehr gibt: Kirche wird es geben. Dann braucht es natürlich Finanzierung, aber eben keinen Gewinn, um weiterhin Kirche zu sein.

So bezieht sich der leistbare Einsatz sicherlich auch auf finanzielle Ressourcen, die überhaupt erstmal erschlossen werden müssen. Aber es gibt in diesem Sinne kein richtiges Risiko, wenn man sich finanziell „verkalkuliert.“

Der leistbare Einsatz bezieht sich somit primär auf Zeit oder Ansehen – und zwar des eigenen aber auch das der „Partnerschaften“. Dennoch sollte man auf keinen Fall die finanzielle Perspektive außer Acht lassen. Das gebietet schon der verantwortliche Umgang mit der Ressource Geld.

Mit Partnern neue Mittel nutzen und neue Wege finden (#Partnerschaften)

Die frohe Botschaft zielt grundsätzlich darauf ab, dass sich zwei oder drei (oder mehr) zusammentun. Das ist Kern des Christentums. So macht es Sinn, dass der christliche Effektuierer sich mit einigen seiner Brüder und Schwestern zusammensetzt und sie als Partner*in für seinen Handlungsimpuls zu gewinnen sucht. Das würde das Portfolio der Charismen, der zeitlichen und finanziellen Mittel deutlich erhöhen.

Ein guter Impuls könnte sein: Geh noch einen Schritt weiter und überlege, wer außer deinen Brüdern und Schwestern, die du kennst, könnte für die Sache noch hilfreich sein. Suche nach einer „Koalition der Wollenden“ – das schließt gut an die „Menschen guten Willens“ an.

Eine zweiter Impuls: Mach dein Projekt sichtbar, so dass andere dich finden können. Mach deutlich, dass du offen bist für Partner, sei einladend und transparent, auf das dahinterliegende Ansinnen.

Und je mehr das sich entwickelnde Projekt gefüllt wird mit Menschen, die sich ganz im Sinne des Evangeliums auf Augenhöhe begegnen, so wie Eric Heinen-Konschak es beschreibt, desto größer wird die Wahrscheinlichkeit, dass kreative Lösungen für den ursprünglichen Handlungsanlass entstehen. In Kirche begegnet einem oft die Botschaft: Natürlich sind wir offen, jeder darf mitmachen und sich einbringen. Aber letztlich steht dahinter: Er oder sie darf bei dem mitmachen, was wir schon immer tun. Und das „Einbringen“ beschränkt sich dann schlimmstenfalls auf den Kuchen, der fürs Pfarrfest gebacken werden darf.

Zufälle als Chance sehen und nicht als Bedrohung (#Zufall)

Das Neue braucht ein ausreichendes Maß an Ungewissheit. Da zur Zeit in Kirche viel darüber gesprochen wird, dass etwas anders werden muss, braucht es wohl das „Neue“. Entscheidendes Problem: Kontrolle aufgeben. Entscheidend ist die Erkenntnis, dass Kontrolle mit Risiko minimierendem, zielgerichtetem Vorgehen bei unsicherer Zukunft nicht hilfreich ist. Das fällt kirchlichen Akteuren schwer. Vor allem Leitungsverantwortlichen. Es wirkt immer das Misstrauen gegenüber anderen Beteiligten, dass sie die Lehre der Kirche nicht achten, dass sie „unmögliche“ Dinge tun, die dann auf die Verantwortlichen zurückfallen in der Verantwortung gegenüber der nächst höheren Instanz. Das ist meines Erachtens gar kein bewusster Vorgang, sondern liegt als tiefsitzendes mentales Modell im System.

Wenn man der Praxis Jesu folgen würde, wäre es leichter mit Kontrollverlust und Zufällen zu arbeiten. Zumal der Kontrollverlust ja nur ein scheinbarer Verlust ist. Tatsächlich gewinnt der Effectuierer Kontrolle über sich und sein Vorgehen, da er sich der Ungewissheit der Zukunft stellt, seinem Handlungsimpuls mit Kraft, Energie und einer klaren Perspektive des leistbaren Verlustes folgt. Und die vermeintliche Kontrolle gibt es ja gar nicht, die ist nur ein „Fake“.

Effectuation ist eine Haltung, die am Start von neuen Vorhaben im Ungewissen hilft

Effectuation nimmt gut die befreiende Botschaft Jesu und die aktuelle Situation in Kirche ernst:

Lass dich von der Botschaft Jesu und dem Heiligen Geist inspirieren und spüre, wo dein Handeln gefragt ist (Handlungsimpuls).

Alle Menschen sind von Gott gut ausgestattet worden. Sieh zu, dass dieser Reichtum für das Reich Gottes ins Spiel gebracht wird – dein eigener und der deiner Brüder und Schwestern (nah & fern, innen & außen).

Lass dich von der Art und Weise, wie Jesus den Menschen begegnet ist anregen. Begegne deinen Partner*innen für deinen Handlungsimpuls auf Augenhöhe, lass sie deine Begeisterung für die Sache spüren, höre zu und achte darauf, welche Beitrag sie zum Reich Gottes (das ja in deinem Handlungsgimpuls drin steckt) leisten können und wollen. Nimm die Kraft des kleinen Beitrags ernst!

Und sei achtsam für das, was der Heilige Geist als Zufall in der Entwicklung deines Handlungsimpulses wirken will.

So würde ich das Effectuation-Konzept auf Kirche beziehen. Wir bleiben dran, probieren aus und berichten hier davon.

Photo by Malcolm Lightbody 

on Unsplash
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