Was machen wir hier eigentlich?

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Das frag ich mich, während ich hier Beiträge schreibe. Na ja, eigentlich ist es einfach: Wir denken laut. In diesem Fall schriftlich. Wir haben im Sommer 2018 intensiv und sehr bewußt miteinander laut gedacht: über das, was uns auf dem Hintergrund unserer Erfahrungen als systemische OrganisationsberaterIn und als pastorale MitarbeiterIn wichtig ist. Unsere Gespräche, unser lautes Denken, rückten die „befreiende Kraft des Evangeliums“ als gemeinsame treibende Erfahrung bzw. Anliegen in dem Mittelpunkt. Unsere Erfahrungen mit Dialog (nach Bohm und Buber) bzw. dialogischen Prozessen, Ermöglichungspastoral und Effectuation haben ihre gemeinsame Schnittmenge in einer Haltung, die prozessorientiert vom Menschen ausgeht und dabei das Potential eines jeden Einzelnen für die Entwicklung oder gar Transformation der Organisation Kirche nutzen möchte.

Dabei erschien uns die von Gunther Schmidt entwickelte Konzeption des polynesischen Segelns geeignet, gerade im Hinblick auf Kirche, den Umgang mit Unsicherheiten zu gestalten. Gunther Schmidt beschreibt mit dem polynesischen Segeln einen kreativen Umgang in Entwicklungs- und Veränderungszusammenhängen ohne klare Ziele. Im Prinzip beschreibt er damit das, was u. a. Michael Faschingbauer mit „Effectuation“ dargestellt hat. Sehr vereinfacht: wenn der Kontext unsicher ist und es keine klaren Ziele gibt, Aufbruch aber unausweichlich ist, ist es hilfreich, mit hohem kreativen Potential polynesisch zu segeln, statt auf das fahrplan- und zielgesteuerte und vor allem durchorganisierte Schiff zu warten, von dem jeder schon weiß (falls es jemals fährt…) wann es wo ankommt, was die Reise kostet und wer wann an Bord sein wird.. Polynesisch segeln heißt dagegen, in kleinen Booten aufbrechen, eigenständig aber im Kontakt mit relevanten Kooperationspartnern, die notwendigen Ressourcen und Kompetenzen an Bord – und es geht los – der Vision und der Kraft des Aufbruchs (des Evangeliums) folgend: wo könnte die nächste Insel sein, wie ist die Wetterlage, wie steht der Wind, wer kann was einbringen, wer hat welche Ressourcen und Kompetenzen, damit die Reise trotz Unsicherheiten sicher ist, was ist der nächste Schritt und wann muss nachgesteuert werden?

Das Volk Gottes sitzt schon längst nicht mehr im „Schiff, das sich Gemeinde nennt“, es ist schon lange keine starke geschlossene Mannschaft mehr, die klar und selbstbewußt Kurs hält auf das große Ziel und alle wissen, was wann zu tun ist. Das große Schiff ist abgetakelt, es liegt im Hafen und manch einer versucht, es wieder in die Gänge zu bringen. Viele warten noch, dass es endlich wieder ablegen kann, die ein oder andere Sitzung findet noch im Bauch oder an Deck statt, und immer wieder wird die wackelige Gangway ausgefahren und mancher aus der bewährten Crew läd ein zum Gottesdienst…. Die Flagge ist gehisst, aber blass und spröde geworden …

… und das Volk: es segelt längst polynesisch ….

Wir freuen uns über alle, die mitsegeln, mitdenken und sich einbringen.

weiterführende Literatur:

Effectuation, Michael Faschingbauer, 2017 Schäffer-Poeschel, dabei insb. Gunther Schmidt, 5.9. Beratungs- und Coachingpraxis (S. 255ff)

Lass segeln...
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